Trampel

Bild rechts: Wikimedia Commons

Ich weiß, ich habe versprochen, aufzuhören, zu heulen, und wieder nach vorn zu blicken – neu anzugreifen. Das werde ich auch. Aber irgendwie bin ich noch so sentimental gestimmt, dass ich glaube, ich muss mich erst noch etwas in Selbstmitleid suhlen, um neue Kräfte zu sammeln.

Das erste Vorher-Bild

Ich habe mein erstes Vorher-Bild geschossen, absichtlich nur mit der Handykamera, damit die Auflösung so schlecht wie möglich ist. Das Elend, was einem da geboten wird, muss man nicht noch in höchster Qualität betrachten können.
Tja, da seht ihr die ganze Wahrheit. Ein Schock, oder? Die Beine sind komisch verformt, der gesamte Oberkörper ist eine einzige Murmel ohne Definition, die Schultern hängen spannungslos herunter und die Arme wirken abstehend. Doppel(Dreifach?)kinn, Wurstfinger…
Das ist nicht nur nicht schön oder nicht gerade perfekt, sondern schlicht und ergreifend abstoßend, hässlich und ekelerregend. Da müssen wir gar nicht um den heißen Brei herumreden.

Das lügende Spiegelbild

Natürlich habe ich mich nie gesehen, wie die sexy Tänzerin rechts, und auch nie so gefühlt. Ich weiß, dass ich fett bin, wusste es schon immer. Aber ehrlich? Wenn ich in den Spiegel sehe, dann finde ich mich manchmal sogar hübsch. Ich bin übergewichtig, ja, aber je nach Blickwinkel ist das eigentlich zu ertragen. Ein Problem, das wohl jeder kennt: Man sieht sich einfach nicht so, wie man wirklich ist. Ich denke, deswegen sind regelmäßige Fotos wichtig. Als dicker Mensch braucht man den Schock, und während des Abnehmprozesses braucht man Beweise.

Der Trampel – oder die Quotendicke

Wisst ihr, was das schlimmste daran ist, wie ein Trampel auszusehen? Wenn die Umwelt einen genau so behandelt. Es ist so demütigend!
Man möchte einfach nur Frau sein, schön, sexy, flirty, verspielt, aber man bleibt ständig „die Dicke“, und kommt aus dieser Schublade nicht mehr heraus. Selbst meine eigenen Eltern fangen an zu lachen, wenn ich ihnen von meinen Wünschen oder Träumen erzähle. Alles schön und gut, aber für jemanden wie mich?

Dass Männer mich nicht auf die Art und Weise anschauen, wie andere Frauen, das ist logisch. Das kann ich auch niemandem übel nehmen. Aber manchmal habe ich das Gefühl, ich werde als gesamte Person nicht wahrgenommen. Smalltalk, ein paar lustige Gespräche, lockere Treffen, das geht immer. Aber richtiges Interesse zeigt niemand an mir!
Für andere bin ich kein Mensch mit Träumen und Visionen, mit Geschichten und mit einer Vergangenheit, ich bin immer das Anhängsel, die Quotendicke.

Ich weiß, dass man so ein bisschen auch selbst dafür verantwortlich ist, wie andere einen wahrnehmen, aber man kann ja auch nicht aus seine Haut, oder? Und genau das würde ich gern. Meine Hülle ist alles das, was ich nicht sein will. Ich wäre gern wie die Frau auf dem rechten Bild. Sinnlich, mutig, stark, graziös. Ich möchte das Gefühl haben, aufrecht durchs Leben schreiten zu können, und etwas auszustrahlen, was andere magisch anzieht.
Aber alles das, was ich in mir drin bin, das sieht niemand. Weil ich gehe wie ein Plumssack, weil mein Gesicht riesengroß und aufgequollen ist, weil ich schwerfällig bin, und weil ich von oben bis unten Angriffsflächen biete.
Wenn ich mich auf eine Bank setze, dann fängt die an zu knacken. Die Stühle in Ärztezimmern quietschen. In der Straßenbahn passt mein Hintern nicht auf einen einzigen Sitz, sodass ich mit der Person neben mir „kuscheln“ muss. Im Sommer ist mein Gesicht rot wie eine Tomate, die glänzt und tropft. Autos machen komische Geräusche, wenn ich ein- oder aussteige, manche Gurte passen nicht mehr um mich. Meine Freunde oder Verwandte verdrehen die Augen, wenn ich irgendwo durchmuss und nicht durchpasse. Meine Schwester lacht über mich, wenn ich ihr erzähle, welche Klamotten ich gern einmal tragen würde. Meine Mutter fragt mich ständig, warum ich mich denn schminken würde – meine Schwester aber nicht. Soll soviel heißen: Das sind verschwendete Mühen bei dir. Die meisten älteren Leute erklären mir, ich wäre so dick, weil ich kein Fleisch esse. Meine Oma lästert hinter meinem Rücken.
Ich habe das alles so satt!

Ich weiß, es bringt nichts, abnehmen zu wollen, um anderen etwas zu beweisen, um ihnen ihre Selbstgefälligkeit heimzuzahlen oder um ihnen zu sagen „Ihr habt mich nie gesehen, wie ich wirklich bin – jetzt könnt ihr mir auch den Buckel runterrutschen“. Wut und andere negative Gefühle machen uns ja nicht glücklicher. Aber derzeit kann ich meine Umwelt einfach nicht mehr ertragen. Und wisst ihr woran das liegt? Genau, weil ich mich selbst so nicht mehr ertragen kann…

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10 Gedanken zu “Trampel

  1. Hey!! Dass Du zu dick bist, wusstest Du vorher. Sieh es so: Ab jetzt wird es täglich besser. Und sooo schlimm ist das Bild wirklich nicht; ich finde Dich keinesfalls abstoßend oder so. Regelmäßige Bilder für Dich sind aber eine gute Idee. Dann kannst Du vielleicht auch glauben, dass Du abnimmst.

  2. Weißt du, was das Schlimmste ist. Das Selbstbild, dass du jetzt hast, wird sich durchs Abnehmen nicht ändern.
    Ich habe das auch gedacht, aber so einfach ist das leider nicht.
    Ich habe zwar an den Kleidergrößen gesehen, dass ich abnehme und auch auf der Waage, aber irgendwie kommt das im Kopf nicht so an.
    Vorher habe ich mich nicht so dick gesehen, wie ich wirklich war und nun sehe ich mich nicht so schlank.
    Der Kopf bescheißt einen. Wenn ich aber daran arbeite, mich so zu sehen, wie ich sein will, wie ich mich sehen möchte, dann klappt es auch und ich strahle das auch mehr aus. Nur fällt es mir verdammt schwer, sowas dauerhaft durchzuziehen…ich falle immer wieder in alte Verhaltensmuster zurück.
    Am Besten fängst du jetzt schon damit an, dann hast du es bestimmt schon verinnerlich, wenn Du deine Traumfigur hast. Ich habe viel zu spät gepeilt, dass Abnehmen alleine leider gar nicht viel verändert.

  3. Vielen Dank, ihr Beiden!

    @ Kris: Ja, ich weiß, was du meinst. Wenn der Kopf einen soweit austricksen kann, dass man sich viel schlanker sieht, als man wirklich ist, dann bringt er das andersrum wohl auch fertig.
    Ich hoffe, dass die Bilder mir helfen werden, meine Selbstwahrnehmung zu trainieren.

    Ich weiß, dass man sich unabhängig seines Gewichts lieben und annehmen sollte, und das mache ich größtenteils auch. Aber das Bild kann und will ich einfach nicht schön reden. Und sich selbst einzugestehen, dass man total verunstaltet aussieht, fällt auch gar nicht mehr so schwer, wenn man einen Masterplan für die Zukunft in der Hinterhand hat 😉

  4. Man muss sich selbst so viel wert sein, dass man im Abnnehmen nicht eine Notwendigkeit zum attraktiver werden sieht, sondern um dem Körper etwas Gutes zu tun – und dazu muss man sich selbst auch erst etwas wert sein!

    Manchmal ist es gerade diese Erkenntnis, die am schwersten zu verinnerlichen ist… (War bei mir zumindest so 😦 )
    Wenn ich weiß, dass ich meinem Freund zu fett bin, verletzt mich das eher und es macht mich bockig, für „so einen Mistkerl“ will ich nicht abnehmen, obwohl ich das tun sollte – doch für mich und für niemand sonst!!!

    Wenn man sich selbst als Trampel sieht, neigt man eher dazu, sich selbst bestrafen zu wollen, mit Hungern und mit Sport. Das macht aber der Elefant (http://sourcesofinsight.com/2010/04/21/the-elephant-and-the-rider/) nicht lange so mit.

    Sag bei jeder abnehmrelevanten Sache: „Ich tue MIR und meinem Körper damit etwas Gutes!“ Mach‘ das zu deinem Mantra.

    Beim Sport (Laufen) sage ich mir immer, wenn ich am liebsten aufhören will: „Es tut zwar jetzt weh und ich bin fertig und kaputt und ich denke, ich kann nicht mehr, aber genau das gleiche wäre es auch, wenn ich stehen bliebe, außer, dass es nichts ändern würde.“ Also laufe ich weiter.

  5. Liebes…

    Du bist nicht abstoßend! Auch nicht ekelerregend oder irgendwas.
    Dein Selbstbild wird sich mit der Zeit ändern, es dauert nur etwas. Man muß sich im Inneren akzeptieren und die schönen Eigenschaften lieben lernt. Aber weißt Du was doch super ist? In Dir ist das Gefühl vorhanden, dass Du Dich magst! Schau mal, Du hast geschrieben: „Wenn ich in den Spiegel sehe, dann finde ich mich manchmal sogar hübsch.“ Das ist wunderbar!! Ich kenne Dich zwar nur hier her, aber daran kann man sehen das Du intelligent bist, wunderbare Gedanken hast, philosophisch, aufgeschlossen und sehr viel Talent zum Schreiben. Und Energie hast Du, oh man! Grade der Absatz, der mit „Ich habe das alles so satt!“ endet, zeigt Dein Feuer!

    Und dieses Feuer kannst Du nutzen für deinen Plan ab zu nehmen. Vernetz Dich mit anderen, wir sind alle hier und unterstützen Dich und motivieren Dich! Es gibt so viele Möglichkeiten im Internet und Du kannst sogar anonym bleiben. Die Bilder helfen Dir natürlich auch, wenn das Deine Motivation ist, dann super!!

    Sende Dir liebe Grüße,
    Miri

  6. Hallo, bin durch die Blogaward-Sache hierhergeraten! Liebe Mrs Cookie – du hast diese tolle „Bring Liebe in deinen Kühlschrank“ – Plakette hier eingefügt, und ich sag dir was: bring dir selbst auch Liebe entgegen! Du bist weder „fett“, noch ein „Trampel“, und SCHON GAR NICHT „abstoßen und ekelerregend“. Du wiegst zu viel um dich wohlzufühlen, das ist alles. Klar wünsche ich dir alles Gute beim Abnehmen, wenn du das willst, aber noch mehr wünsche ich dir, dass du dich nicht durch diesen Zerrspiegel siehst.
    Alles Liebe, E.

  7. @ Kris: Wow, ich danke dir! Du bist super 🙂

    @ Miri: Also du könntest gut und gern Motivations-Coach werden. Vielen Dank für deine Worte. Die kamen genau zur richtige Zeit & sind direkt ins Herz gegangen.

    @ Nadine: Auch ein danke an dich!

    Es ist echt schön, zu sehen, dass es Menschen gibt, die sagen „Hey, du schaffst das schon!“ – und zwar, ohne dass sie einen kennen. Traurig vielleicht, dass andere mehr in einen sehen, als die eigene Familie, aber auch unglaublich schön, dass überhaupt jemanden gibt 🙂

  8. Ich sehe so aus wie Du (naja, Deine Beine sind schöner). Und ich sehe auch im Spiegel anders aus. Fotos sind immer ein Schock. Und ja, ich beäuge Sitzgelegenheiten mißtrauisch, bevor ich mich niederlasse. Ich glaube, das schlimmste, was man machen kann, ist sich auch so zu benehmen als sei man ekelhaft. Sind wir nicht. Und wenn es doch jemand findet, dann ist das sein Problem. Ist leicht gesagt, ich weiß … ich gehe nicht ins Schwimmbad, so stark bin ich dann doch nicht.

    Mein Beileid zu Deiner Familie. Sowas sollte nicht sein.

    Du bist auf dem richtigen Weg … GO GIRL!

  9. @ Elana:
    Vielen lieben Dank 🙂 Ich versuche, mich so zu sehen, wie ich wirklich bin, und daran dann zumindest teilweise auch etwas Schönes zu finden. Es klappt noch nicht, aber ich bemühe mich wirklich!
    Ich freue mich, dass du einmal vorbeigeschaut hast! ^^

    @ Ute:
    Ja, ins Schwimmbad gehe ich auch nicht, obwohl Schwimmen eigentlich der ideale Sport ist. Ich kann mein Selbstbewusstsein teilweise auch vorspielen; manche Leute würden bestimmt sagen, ich wär dickhäutig und lässig. Aber an so kleinen Sachen erkennt man dann, dass es nicht so ist. Ich gehe auch selten an den Strand (schon gar nicht ins Wasser) und habe mich bisher noch nicht ins Fitness-Studio getraut. Ich hätte Lust zu Walken – in einer Gruppe – und auch das scheitert an meiner Angst, negativ aufzufallen.

    Aber ich sag dir eins: Wenn ich das hier irgendwie machen sollte, dann kriegst du das auch hin. Denn meine Disziplin & meine schlechten Gewohnheiten sind echt die Krönung.
    Wir machen das! 😉

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