Warum eigentlich?


Warum der ganze Wahnsinn? Wieso versucht man es immer wieder mit Ernährungsextremen, obwohl man schnell merkt, dass das Ganze zum scheitern verurteilt ist? Warum nicht sich normal ernähren – wie auch immer man das definiert? Geht es bei all dem nur darum, geliebt werden zu wollen, schön und straff zu werden, und mehr Aufmerksamkeit zu bekommen?

Die Frage stellte mir meine „liebe“ Leserin (oder mein „lieber“ Leser?) chrihoe. Wobei es wohl eher eine Mutmaßung oder sogar eine Feststellung war.
Aber sie liegt so falsch, und das habe ich ihr in meinem Kommentar auch gleich gesagt.

Seitdem habe ich immer wieder darüber nachgedacht, und festgestellt: Ich bin erwachsen geworden. Nicht in dem Sinne erwachsen, wie es sich meine Eltern für mich wünschen würden. Ich bin noch immer ein Chaot, der nichts richtig auf die Reihe bekommt, und lebt, als wäre er 16 Jahre alt, und als würde das Leben niemals enden.
Aber es gibt einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen mir und meinem 16-jährigen Ich.

Mit 16 war mein größtes Ziel im Leben, schlank zu sein. Ich wollte schön sein. Ich wollte, dass Leute sich gern mit mir sehen lassen. Mein ganzes Selbstbewusstsein hing von meinem Aussehen ab. War ich nicht schlank, konnte ich auch nicht gut aussehen. Und sah ich nicht gut aus, war ich vermutlich auch nicht viel Wert.
Wann immer ich Artikel von älteren Frauen gelesen habe, die meinten, mit zunehmenden Alter wäre das Aussehen nicht mehr so wichtig, und andere Dinge würden in den Vordergrund rutschen, wurde ich zynisch, und habe geglaubt, sie hätten sich aufgegeben.

Aber so ist es nicht. Ich weiß nicht, wann dieser Prozess begonnen hat, und wie weit er noch gehen wird, aber wenn ich mich heute frage, wie ich über mich und meinen Körper denke, dann bin ich plötzlich viel lockerer geworden. Die Prioritäten haben sich verschoben.
Klar, ich zeige mich noch immer nicht gern leicht bekleidet. Und es gibt unzählige Situationen, die ich meide, weil ich mich in ihnen mit meinem Körper unwohl fühlen würde. Aber trotzdem: Ich mag mich. Ich fühl mich schön – schön im Inneren. Und erst heute kann ich begreifen, wie wichtig das ist.

In mir scheint etwas. Ich kann es kaum erklären. Es ist wie eine Melodie, die sich mit hellem Licht vermischt. Mit tausend bunten Farben. Ein warmes Gefühl. Dankbarkeit. Stärke. Das Wissen, etwas verändern zu können. Inspiration. Glück. Abenteuer. Leidenschaft.
Da ist etwas, was ich unendlich liebe. Was mir stetig Kraft gibt. Auf das ich mich verlassen kann. Da bin ich! Ich liebe mich. Ich bin dankbar, dass ich gesund bin. Dass meine Beine mich durchs Leben tragen. Dass ich fühlen, hören und schmecken kann. Dass ich jung bin. Dass die Welt mir offen steht.

Ich kann mich begreifen als die Person, die ich bin, und nicht als die, die ich scheine. Ich mag mein Aussehen nicht, aber ich mag mich. Und deswegen kann ich selbstbewusst durchs Leben stapfen. Deswegen berühren mich die gemeinen Kommentare auf meiner Seite auch nicht mehr wirklich. Deswegen schaue ich auch nicht neidvoll irgendwelchen schönen und schlanken Frauen hinterher.

Ich würde lügen, wenn ich nun sagen würde, dass es mir egal ist, ob ich dick bleibe oder nicht. Das stimmt nicht. Ich möchte an meinem Aussehen arbeiten. Ich möchte, dass mein Äußeres zu meinem Inneren passt, und all das repräsentiert, was mir wichtig ist. Aber es steht nicht an erster Stelle. Es ist etwas Physisches, das sich irgendwann, und da bin ich mir sicher, von allein ergeben wird, sofern der Kopf funktioniert. Wir müssen uns lieben und uns annehmen, um auch nach außen hin scheinen zu können.
Wie können wir wirklich schön und attraktiv werden, wenn wir glauben, nur dann etwas Wert zu sein? Ohne Persönlichkeit wären wir sowieso nie mehr, als leblose Hüllen, die trotz ihrer eventuellen Schönheit niemand in ihren Bann reißen.

Es ist so platt, zu sagen, das Innere zählt mehr als das Äußere. Wir haben es unzählige Male gehört und wahrscheinlich genauso oft zu anderen gesagt. Aber haben wir es wirklich geglaubt? Oder ist es nicht vielmehr so, dass wir das, was für alle Welt gilt, bei uns anders gesehen haben? Dass wir uns den unsinnigen Druck auferlegt haben, wir müssten perfekt sein, um geliebt und wahrgenommen zu werden?

Das stimmt nicht! Alles, was es braucht, ist Authentizität. Den Mut, zu sich selbst zu stehen. Sein, wer wir wirklich sind, trotz aller Widerstände. Tun, worauf wir Lust haben, und uns nicht von unserem Äußeren gehemmt fühlen. Dann wird alles wie von allein funktionieren.

Und falls sich hier noch irgendjemand fragt, ob ich es immer wieder mit 811 oder anderen ungewöhnlichen Ernährungsweisen versuche, weil ich mich nach Liebe sehne, oder weil ich glaube, nur so abnehmen zu können:
Nein! Man muss das differenzierter sehen. Ich möchte mich auf die Art und Weise ernähren, von der ich glaube, dass sie die gesündeste für mich ist. Denn ich möchte mich gut fühlen, ich möchte Energie haben und lange Zeit möglichst gesund bleiben. Keine Angst mehr vor Volkskrankheiten haben. Und nur, wer so gesund wie möglich ist, kann auch so schön wie möglich sein. Attraktivität ist immer ein Beiprodukt.
Attraktiv ist, wer sich wohl fühlt, wer fit wie ein Turnschuh ist, wer glücklich ist und wer Persönlichkeit hat. Sie ist wichtig. An erster Stelle stehen aber andere Sachen.

Advertisements

5 Gedanken zu “Warum eigentlich?

  1. Danke, dass du diese Gedanken niedergeschrieben hast.
    Ich muss zugeben, in meinem Kopf wird es schlimmer über die Jahre. Es ist ein wenig so, als wäre ich auf der Autobahn des Älterwerdens und bald hab ich die Ausfahrt Richtung „Schönsein“ endgültig verpasst, weil ich faltig werde. Es ist lächerlich, was mein Kopf da sagt (als könnte man mit Falten bzw. als alter Mensch nicht schön sein). Nur was tut man gegen dieses Monster im Kopf?
    Es ist ebenso lächerlich, dass Schönsein ein statischer Zustand ist – jemand ist erst wirklich dann schön, wenn sein Gesamtbild stimmt. Wenn Mimik und Gestik mit Stimme, Bewegung und Äußerem harmonieren, wenn er seine eigene innere Freude projizieren kann, wenn er authentisch ist (wie du ja schon geschrieben hast).
    Aber Schönheit ist heute auch seltsam defiiniert. Es ist ein Irrglaube, dass man schlank sein muss um schön zu sein. Es gibt so viele schlanke Menschen, die einfach nicht schön sind.
    Mal ehrlich, wie viele der Menschen, die überall als schön angesehen werden, sind wirklich schön? Und wie viele Menschen können sich nicht schön fühlen, weil sie genau an diesen Idealen scheitern und den glauben an sich selbst verlieren?

  2. Ich meine es wirklich nicht gemein…, –

    dass Du mit Deiner äußeren, dicken Hülle besser klarkommst und gleichzeitig zugibst, eigentlich doch lieber Dein Äußeres dem inneren „Schlank-Sein-Fühlen“ anpassen zu wollen, finde ich toll.

    Wenn Du ehrlich zu Dir bist:
    machst Du all diese Extreme wirklich wegen Dir selbst, oder nur aus dem tiefen Wunsch heraus, auch endlich mal einen Freund / Mann zu haben??
    Ich glaube nämlich schon, dass ein gewisses Gewicht, – unabhängig von sonstigen netten, sozialen, etc. Qualitäten, – auf Männer abschreckend wirkt.

    Bei Dir höre ich immer eine starke Sehnsucht nach „geliebt werden“ heraus.

    Und ich fürchte, es ist einfach doch so…, – wärest Du schlanker, würden sich Deine Chancen, einen Mann zu bekommen, erheblich steigern…

    Und ich bin überzeugt, dass es letztendlich genau darum geht.

  3. Liebe(r) chrihoe, es ist schade, dass du so wenig Verständnis für das menschliche Sein bzw. für die Persönlichkeit anderer hast. Dass du alles Tun im Leben darauf reduzierst, einen Mann anzulocken, das spricht aber für dich.
    Ich hatte es dir schon einmal erklärt: Es geht nicht um Männer, es geht um mich, mein Wohlbefinden, mein Glück und meine Gesundheit. Letztlich würde ich dir natürlich recht geben: Wer schlank, fröhlich und authentisch ist, hat sicher mehr Chancen beim anderen Geschlecht. Und der ist auch attraktiver. Das hängt ja alles miteinander zusammen.
    Aber man sollte schon genau hinschauen, was an erster Stelle steht. Ursache und Wirkung unterscheiden.
    Mit 16 habe ich alles so hingedreht, dass mich Jungs toll finden. Habe die Klamotten gekauft, die die anderen Mädels getragen haben, habe mich verstellt und es mit Radikaldiäten versucht. Aber ich bin keine 16 mehr. Ich kann das Leben in seiner Gesamtheit betrachten, und erkennen, dass der Wesenskern eines Menschen immer wichtiger ist, als seine Außendarstellung. Und dass man andere Menschen nicht wirklich beeindrucken kann, wenn man seine eigene Schönheit nicht erkennt – und zwar unabhängig vom Aussehen.
    Mach einen Mann zur Priorität, und du wirst zu seinem Fußabtreter! Man SELBST sollte immer an erster Stelle stehen.

    Im Übrigen ist es ziemlich witzig, dass du mir indirekt unterstellst, ich hätte keine Chance bei Männern 😉 Nein, weil ein dicker Mensch noch nie im Leben ein Gegenstück gefunden hat, richtig? Weil es ja geradezu absurd ist, dass es Menschen gibt, die vielleicht nicht von der Hülle abgeschreckt sind. Je, je.
    Vielleicht gibt es ja doch mehr, als du dir vorstellen kannst oder magst,

    Dass ich mit meiner dicken Hülle besser klarkomme habe ich doch gar nicht geschrieben. Klar will ich die loswerden. In dem Text steht lediglich, dass ich mittlerweile zwischen dem unterscheiden kann, was du siehst, wenn du ein Bild von mir anschaust, und dem, was ich wirklich bin. Dabei rede ich nicht davon, dass ich in meinem Kopf schlank bin, sondern dass ich meine Persönlichkeit, mein Wesen, meine Gedanken, mein Herz, meine Abenteuerlust und meine Leidenschaft eher als mich wahrnehme, als meine Haare, mein Fettgehalt oder meine Fingernägel.

    @ Crysanthes:

    Diese Angst vom Älterwerden habe ich aber auch. Ob es direkt etwas mit Attraktivität zu tun hat, weiß ich gar nicht. Denn wie du schon sagtest, es gibt ja auch attraktive Frauen über 40, 50, 60 – was weiß ich. Mein Lieblingsbeispiel ist da Mimi Kirk (klick) mit über 70. Wow!
    Aber da kommen ja noch eine Menge anderer Dinge dazu. Die Angst, loszulassen. Einen Teil von sich zu verabschieden. In eine andere Rolle gedrängt zu werden. Kinder, Familie, Verantwortung. Kein spontanes Weggehen, verreisen, aus dem Koffer leben mehr. Kein mit Freunden irgendwo rumhängen, und sich nur wenig Gedanken ums Morgen machen. Kein Verrücktsein, Verplantsein – auf den Armen malen und die Fingernägel in allen Farben anpinseln mehr.
    Dadurch, dass ich mich nicht vom Jungsein verabschieden mag, kann ich mich auch nicht vom Jungaussehen verabschieden. Da würde sich dann ein Abgrund auftun.

    Und ich erwische mich auch oft dabei, dass ich mir sage … toll, du warst deine ganze Jugend über dick. Hast es nie geschafft, auch mal das beste aus dir rauszuholen. Bis du es irgendwann vielleicht schaffst, ist deine Hülle schon vom körperlichen Verfall geprägt.
    Ich denke, sowas zu haben, ist normal.
    Egal, wie sehr wir uns sagen, dass wir auf die Schönheitsideale der Gesellschaft pfeifen, und wie viel wichtiger andere Dinge sind: Ich glaube, jeder hat das Grundbedürfnis auch nach außen hin zu strahlen.

    Aber ich kann mich da beruhigt zurücklegen und mich entspannen. Ich weiß, wenn ich auf mich vertraue, und es endlich mal schaffe, meine Ernährung so durchzuziehen, dass ich mit mir zufrieden bin, dann stellt sich alles, was ich mir wünsche, automatisch ein. Früchte und Chlorophyll halten jung 😉 Kohlenhydrate und low fat machen schlank.

    Bis dahin: Abwarten, Tee (Kaffee ;-)) trinken, und sein Aussehen nicht allzu wichtig nehmen.

  4. Irgendwie erschreckend, dass es Menschen gibt, die tatsächlich glauben, alle Männer stehen nur auf schlanke Frauen.
    Ich kann mir schon vorstellen, dass vielleicht noch unsichere Teenies und Twens nach der Optik gehen, weil sie meinen, sie würden besser dastehen, wenn ihr Partner einem gewissen Ideal entspricht.
    Aber irgendwann kommt doch jeder an den Punkt, wo er merkt, was bei einem Partner wirklich zählt. Und das kann man doch nicht an der Optik festmachen, zumal die ja natürlichen Schwankungen unterworfen ist.

    Ich finde deinen Post bemerkenswert, ganz schön! Es ist einfach toll, das zu lesen.
    Ich freue mich total für dich und ich kann dich so gut verstehen

    Ich drück dich einfach mal,
    ganz liebe Grüße,
    Kris

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s