Das fairste Produkt ist das, welches Du nicht kaufst

fairphone

Vor ein paar Tagen habe ich mich mit einem Freund über das neue Fairphone unterhalten. Das Fairphone ist ein Smartphone, das unter möglichst fairen Bedingungen und mit fairen Materialien produziert werden soll. Viele Verbraucher, die von dieser Idee begeistert waren, haben das Handy bereits zu einem Zeitpunkt bestellt, zu welchem es noch nicht mehr als eine Skizze auf einem Blatt Papier war – und haben dem Unternehmen damit die Möglichkeit gegeben, seine Visionen in Realität umzusetzen, und mit Hilfe des Startkapitals mit 20.000 Geräten in Produktion zu gehen.

Aber das Projekt stößt nicht nur auf Begeisterung. Kritiker behaupten, im Grunde genommen unterscheide sich das Handy gar nicht weiter von anderen Telefonen. Man würde mit Zinn und Tantal lediglich auf zwei konfliktfreie Rohstoffe setzen, die dem Ganzen einen fairen Touch geben. Und Intiativen, an denen sich der Hersteller beteiligt, würden auch von anderen großen Handy-Unternehmen unterstützt werden. Demnach wäre es vielleicht ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, von fair könne aber keine Rede sein.
Mein Freund hat in diesem Zusammenhang etwas gesagt, das sich seither bei mir eingeprägt hat:

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Und es stimmt, oder?
Weltweit findet ein unglaublicher Run auf Multi-Media-Technologie statt. Kaum gibt es ein neues iPhone oder ein neues iPad, werden wieder überall die Schlangen vor den Geschäften gezeigt – Leute, die schon Tage vorher mitten in der City campen, um auch ja einer der ersten zu sein, der ein Gerät bekommt, dass sich kaum von dem Vorgänger unterscheidet.
Bekloppt, mögen manche sagen. Aber im Grunde ziehen wir doch alle mit? Schaut doch nur euer eigenes Handy an!

Und die ausrangierte Ware, vieles davon funktioniert noch einwandfrei, ist aber einfach nicht mehr „up to date“, wird dann weggeschmissen – und von irgendwelchen Unternehmen unter irgendwelchen Vorwänden nach Afrika verschifft. 90% davon landet in den Ländern auf Elektromüllbergen, welche die Umwelt verseuchen und die Gesundheit der dort lebenden Menschen gefährden. Fair? Aber klar! „Aus dem Augen, aus dem Sinn mag“ im Bezug auf alte Gerät für uns stimmen. Genauer darüber nachdenken, was wir mit unserem Konsum anrichten, tun die Wenigsten.

Ethisches Konsum-Hamsterrad

Aber es geht nicht nur um technische Geräte. Der Bio- und Fairtrade-Boom zieht weite Kreise. Fair produzierte Schuhe und vegane Kosmetik und und der angesagte bpa-freie Becher im Zebralook und Bio-Baumwolle und das Accessoire, dass 10% vom Verkaufsgewinn an irgendeine Organisation spendet und und und…

Während diese Bemühungen einerseits sicherlich löblich sind, sind sie auf der anderen Seite nur eines: Eine Verkaufsmasche. Unternehmen zielen auf unser Gewissen ab, und wollen, dass wir uns mit unserem hemmunglosen Konsum auch weiterhin wohlfühlen. Dazu wird einfach allem ein ethischer Stempel aufgedrückt.

Wir alle wollen dazu beitragen, dass die Welt ein kleines Stückchen besser wird. Wenn wir das können, indem wir auf nichts verzichten müssen, und weiter fröhlich unserer Shoppinglust frönen können – umso besser, oder?

Weit gefehlt!

Denn nur, weil ein Produkt eine bessere Alternative zu einem anderen ist, bedeutet es nicht, dass es keine negativen Seiten nach sich zieht. Es ist praktisch egal, was wir kaufen: Fast alles ist in Plastik verpackt oder besteht aus Rohstoffen, die nicht ohne weiteres wieder abbaubar sind. Vielleicht unterstützt es Menschen in irgendeiner ärmeren Region, aber ist es auch der Umwelt zuträglich? Kommt das Produkt, oder zumindest aber die Rohstoffe nicht von irgendwo aus dem anderen Ende der Welt?
Wir achten auf regionale, ausgewogene Ernährung – achten wir denn in sonstigen Lebensbereichen auch auf regionalen, ausgewogenen Konsum? Eher weniger.

Die Alternative: Nur kaufen, was man wirklich braucht

Natürlich ist der faire Schuh besser, als der, der es nicht ist. Aber wir machen nichts besser damit, dass wir uns diesen zusätzlich zu all den anderen Schuhen in unserem Schrank kaufen. Und klar, die pflanzliche Kosmetik ist sicher besser für unsere Haut – aber was wollen wir mit diesem riesigen Berg an Kosmetika, der niemals aufgebraucht werden kann und in 1-2 Jahren sowieso im Müll landet. Ist das nachhaltig? Und vor allem: Ist das notwendig?

Ist es nicht viel mehr so, dass wir als erstes unseren wirklichen Bedarf analysieren sollten, um dann die fairste Option innerhalb unseres Budgets zu finden?

Ich habe leider nicht das Gefühl, dass das bei Vielen so ist. Schaut mans ich in den Bloggerkreisen um, sieht man zwar, dass viel auf alternative, innovative und nachhaltige Produkte gesetzt wird, aber dennoch kommt mir dabei mehr als einmal der Gedanke auf: Wozu brauchst ihr das alles? Und dann wieder das, was mein Freund sagte – fair ist in erster Linie schließlich das, was man nicht kauft.
Konsumieren nur um des Konsums Willen, nur um den Prozess des Kaufens oder des neu Besitzens genießen zu können, ist mit Sicherheit nicht das, was unsere Welt positiv verändern wird. Oder?

Die eigene Nase

Falls ihr jetzt das Gefühl habt, ich richte meinen Zeigefinger einzig und allein auf die anderen, und fühle mich hier oben auf meinem hohen Ross richtig gut – nein. Mich betrifft das Thema genauso. Statt eines Fairphones, für das ich mich ursprünglich interessiert habe, liegt nun beispielsweise ein iPhone 5 neben mir.
Oder aber: Obwohl ich weiß, dass es viel Müll verursacht, liebe ich Coffee to go von Coffee Fellows, und kaufe ihn immer wieder. Das, um nur mal zwei Beispiele zu nennen…

Wir alle sind nicht perfekt. Jeder hat seine Laster, und sollte zunächst auch bei sich selbst anfangen. Und das habe ich fest vor.

Mein Blog möchte ich zukünftig auch als einen Ort nutzen, an welchem ich mich den Themen Konsumdiät, Konsumkritik, Werbemaschen und Minimalismus weiter annähre. Ich finde diese Thematiken total spannend, und freue mich darauf, meine Gedanken mit euch teilen zu dürfen.

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7 Gedanken zu “Das fairste Produkt ist das, welches Du nicht kaufst

  1. Du sprichst mir aus der Seele! Danke für diesen Beitrag und die Denkanregung. Ich hoffe, dass viele Leser_innen dadurch inspiriert werden und ihren Konsum überdenken (:
    Freue mich auf Deine Minimalismus- und Konsumkritikbeiträge!

      • Nein überhaupt nicht. Ich finde es wichtig immer kritisch und reflektiert zu bleiben und sich dahingehend weiter zu entwickeln. Ich versuche selbst zunehmend minimalistischer und konsumkritischer zu werden, es gelingt mir auch zusehens bestimmte Gewohnheiten abzulegen, und dann passieren so verrückte Sachen wie, dass mir eine Frau mit Nike Free Schuhen in petrol mit gelb und türkisen Schnürsenkeln über den Weg läuft und ich seitdem den Drang verspüre, mir diese Schuhe zu kaufen. Sie sollen ja so bequem sein etc…Und gleichzeitig halte ich Nike natürlich für ein „böses“ Unternehmen und ich „brauche“ diese Schuhe nicht. Ich hoffe, dieser Drang verschwindet in den nächsten Tagen wieder schnell.

        • Hehe. Wie gesagt, jeder hat seine Laster 🙂

          Im begrenzten Maße finde ich sie sogar sympathisch. Bei Attila Hildmann und seinen Lederschuhen zum Beispiel – aber ich glaube, da war ich so ziemlich die einzige ^^

          Klar ist es nicht toll, Leder zu kaufen. Aber einen durch und durch perferkten Menschen, der keinem seiner Wünsche und Gelüsten nachtgibt, halte ich auch nicht für authentisch.

  2. Amen! Du hast ja so Recht.

    In Minimalismusblogs habe ich öfter gelesen: Reduce, reuse, recycle – in der Reihenfolge. Das finde ich auch: Was man gar nicht erst anschafft, ist immer noch das umweltfreundlichste, und macht am wenigsten Arbeit und Müll.

    Ich muss auch nicht unbedingt nackt im Urwald leben, aber es ist schon erstaunlich, mit wie wenig man zur Not auskommt.

    Mich nervt’s auch, wenn alle auf einen neuen Zug aufspringen. Oh, alles ist jetzt grün, wie toll! Genauso wie mit Bio. Irgendwie findet es nie einer lustig, wenn ich (selten mal) frage, ob er auch Bio-Heroin nehmen würde (wäre ja bio, und rein pflanzlich!). Ist trotzdem mein einziger sinnvoller Gedanke zur schon roboterhaft gemachten Aussagen wie „das ist aber MEERsalz! / Bio-Sahnetorte / Bio-Diesel / Bio-sonstwas / fair gehandelte XYZ“.

    Liebe Grüße
    Lissa, die seit Jahren für ihre Steinzeit-Handys ausgelacht wird

  3. Konsum ist schon unglaublich verlockend. Ich hoffe, du findest mehr innere Ausgeglichenheit durch eine kritischere Einstellung zu deinem Konsumverhalten und wünsche dir, dass sich dein Vorhaben nicht in die Reihe der bisherigen gescheiterten neuen Vorhaben einreiht, die du jeweils mit so viel Enthusiasmus begonnen hast.

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