Sinéad O’Connor an Miley Cyrus

miley

In den Klatschspalten, auf Twitter, in den Promi-News und eigentlich überall wird derzeit vom offenen Brief berichtet, den Sinéad O’Connor ihrer jüngeren Kollegin Miley Cyrus geschrieben hat.

Vorausgegangen war dem ein Interview, in dem Miley erzählte, sie hätte sich zu ihrem neuen Video zum Song „Wrecking Ball“ vom „Nothing compares to you“-Video von Sinéad O’Connor inspirieren lassen.

Sinéad, weder geschmeichelt noch amused hinsichtlich dieses Vergleichs, machte es sich daraufhin zur Aufgabe, Miley einmal gehörig den Kopf zu waschen. Zwar mütterlich, besorgt und „aus Liebe“, wie sie selbst schreibt, dennoch mit Nachdruck.

Im Wesentlichen schreibt sie, dass Miley es nicht nötig hätte, sich unter Wert zu verkaufen. Ihr Talent wäre alles, mit dem sie glänzen müsse und ihr Wesen bestünde aus mehr, als nur Sexappeal. Sie spielt aus verschiedene Szenen im Video an, in denen Miley nackt herumschaukelt oder einen Vorschlaghammer leckt. Miley würde sich prostituieren, sich zur Sklavin der Musikindustrie machen, anderen Frauen ein falsches Vorbild sein und sich dabei auch noch cool fühlen.

Positives Feedback

Soweit, so gut. Was mich jedoch überrascht, sind die vielen positiven Rückmeldungen, die Sinéad O’Conor für diese Aktion erhält. Insbesondere auf Facebook wird ihr Brief bunt und munter und mit einem „Daumen hoch“ geteilt.

Abgesehen davon, dass ich persönlich es nicht sonderlich elegant finde, dass die Sängerin einen Rat für eine junge Frau an die ganze Welt statt an sie persönlich richtet – und sie somit in der Öffentlichkeit bloß stellt, finde ich auch ihre Aussagen an sich anmaßend.

Es mag stimmen, dass das Show Business nicht am Wohlergehen seiner Schäfchen interessiert ist. Und dass für Männer Sexappeal nicht das gleiche ist, wie Zuneigung und ehrliches Interesse, das ist selbst jungen Teenagern bewusst. Und natürlich ist es auch immer Geschmackssache, was man nun persönlich als stilvoll empfindet und was nicht. Was ästhetisch ist, und was dann doch eher ins Lächerliche geht.

Meine Meinung allerdings – und ich finde es ehrlich schade, dass nicht jeder das so sieht – ist, dass niemand das Recht hat, den Wert einer anderen Person anhand ihrer Taten zu bemessen (natürlich vorausgesetzt, dass dabei niemandem Schaden zugefügt wird). Es ist doch egal, ob Miley nun Pornodarstellerin wird oder sich in ein Nonnen-Outfit wirft und von der Bildfläche verschwindet: Nur sie selbst entscheidet zu jedem Zeitpunkt über ihren Wert.

Warum soll es gefährlich sein, wenn sie sich so präsentiert? Warum liefert sie damit ein falsches Vorbild? Und warum soll dies kontraproduktiv für Ihre Karriere sein? Viele vor ihr haben bewiesen, dass das alles Unsinn ist. Man hat jederzeit die Möglichkeit, sich neu zu erfinden, sich anders darzustellen – einem neuen Lebensgefühl zu folgen.

Vielleicht ist Miley morgen wieder die brave Brünette mit dem weißen Flatterkleidchen am Strand. Auch das würde man ihr abnehmen. Immerhin ist sie Künstlerin und lebt davon, sich selbst darzustellen und interessant zu sein. Als Sängerin ist man heutzutage doch größtenteils Schauspielerin und Entertainerin in einem. Das muss man natürlich nicht zwingend, aber ein Blick auf die Charts zeigt uns, dass reine Stimmen es unweit schwerer haben.
Und jeder Sängerin sollte es selbst überlassen sein, ob sie als unschuldige Dame, barfuß und mit Gitarre, unverstellt und ungekünstelt auftritt, und dabei ausschließlich mit ihrer Stimme überzeugen will, oder ob sie zudem ein Unterhaltungsprogramm anbieten möchte. Oder abwechselnd auch beides … Das macht doch die Wandlungsfähigkeit eines Künstlers aus.

Vielleicht bereut sie in 20 Jahren das, was sie heute getan hat. Wer weiß? Vielleicht würde sie aber viel mehr das bereuen, was sie nicht getan hat.

Der Mensch stagniert nicht in seiner Entwicklung. Er macht Fehler und tappt komplett daneben. Sofern er aber in der Lage ist, diese Fehler zu erkennen, zu ihnen zu stehen und sich weiterzuentwickeln, ist er sympathischer und authentischer, als die Person mit der perfekten Fassade, der nie ein Fehltritt passierte oder diesen zumindest nicht zugeben würde. Wenn Miley morgen erkennt, dass dies keine kluge Entscheidung war, sich daraufhin wieder in eine andere Richtung bewegt und später von ihren Fehlern in ihrer Vergangenheit berichtet, dann sehen doch alle nur das Offensichtliche: Dass sie ein Mensch ist, wie wir alle. Eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst.

Frauenbewegung?

Die Arbeit von Frauenrechtlerinnen – und als solche empfinde ich Sinéad O’Connor nach diesem Brief – in allen Ehren. Aber es hat wirklich nichts mit Feminismus zu tun, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dem Schönheitsideal entsprechen zu wollen und sich nicht ständig quer zu stellen. Wahre Frauenrechtlerinnen würden dafür kämpfen, dass Frauen so sein dürfen, wie sie wollen – auch wenn sie es bewusst darauf abzielen wollen, Männern zu gefallen oder sie gern am Herd stehen – und nicht so, wie Alice Schwarzer sie gern sehen würde. Ob sie nackt durch die Gegend laufen, in sexy Paillettenkleidchen oder in Säcken: Who cares? Warum dürfen Männer denn so sein wie sie wollen? Und warum wird ihr Körper nie in derartiger Form thematisiert? Daran, dass sie weniger Haut zeigen, kann es nun nicht liegen …

Für den, der es noch nicht kennt und sich selbst ein Bild machen will, poste ich an dieser Stelle einmal das Video, um das es geht. Was sagt ihr?

 

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10 Gedanken zu “Sinéad O’Connor an Miley Cyrus

  1. Die üblichen F*-mich-Gesten der hübschen schlanken Mädels in Musik-Videos. Da mag ich Adele lieber. Als Sinead hätte ich mich auch distanziert. Sie sagen zwar in Irland, dass sie echt einen an der Waffel hat (Sinead), aber diese ganze Sexy-Weibchen-Nummer hatte sie so nie nötig. Und jede Frau, die auf der Sexiness-Klaviatur mitspielt macht dabei mit, uns darauf zu reduzieren. Sorry, ich bin da eher feministisch unterwegs….

    • Okay. Ich verstehe das allerdings nicht als Feminismus. Feminismus ist gleichbedeutend mit Selbstbestimmung von Frauen. Und wenn eine Frau sich nackt zeigen will, dann sollte sie das Recht dazu haben – ohne von anderen Frauen dafür verurteilt zu werden.

      Manche drehen einen Kinofilm, sind darin komplett nackt zu sehen – Kritiker beurteilen es aber als stilvoll und künstlerisch anspruchsvoll, und alles ist in Ordnung. Miley tut ähnliches in einem Musikvideo und es wird zum Skandal?

      Ich wage an dieser Stelle einfach mal zu behaupten, dass Frauen sich heutzutage bezüglich ihrer Stellung in der Gesellschaft weniger vor Männern in Acht nehmen müssen, als vor anderen Frauen. Denn niemand verurteilt eine Frau derart scharf und reduziert sie auf ihre Entscheidungen und ihr äußeres Erscheinungsbild, wie eine andere, die das komplette Gegenteil verkörpert und lebt.

      • ich sehe es gespalten:

        zum einen stimm ich zu, wenn du sagst, dass Frauen selbstbestimmt sein dürfen.

        Zum anderen glaube ich aber auch, dass manchen Frauen wiederum nicht bewusst ist, wie sehr gewisse Dinge auf Männer wirken. Ob das bei Miley der Fall ist, ist aber eine andere Sache.

        Denn zum einen seh ich bei Miley drei Aspekte:
        1) Sex sells
        2) Abkehr vom Disney-Image
        3) „good news are bad news“

        Sie will das Image vom der lieben braven Disney-Schauspielerin wegbekommen. Zum einen geht das nur, indem man sehr extrem etwas anderes macht, um damit einen „Bruch“ herzustellen.
        Zum anderen kommt den Zuschauern der „Bruch“ um so heftiger vor, je unterschiedlicher das Image ist, das sie jeweils verkörpert.

        Dazu kommt noch, dass sich Skandale gut verkaufen lassen, und Medien liebendgern ein Sommerloch damit füllen, dass irgend ein Promi so einen Imagewandel durchmacht.
        Deshalb könnte man überlegen, ob der Skandal wirklich so „echt“ ist, oder ob dieser nicht irgendwie durch die Massenmedien selbst produziert wird. Wenn niemand darüber berichten würde, wäre der Skandal nicht so groß.
        Noch dazu lassen sich Promistories immer gut verkaufen, klatsch und tratsch ist sehr beliebt.

        Wo jetzt wieder Miley (und ihre Produzenten, Berater etc) ins Spiel kommen. Denn die wissen, wie man die Medien für sich nutzen kann, und haben damit ebenso ihren Anteil am Skandal. Ich bezweifle, dass Miley jemand ist, die einfach macht was ihr beliebt.
        Sie hat sicher ein gewisses Mitspracherecht. Aber wenn die Produzenten das Image nicht mögen würden, das sie verkörpert, würden sie sie dabei nicht unterstützen.

        Deswegen ist das für mich keine Feminismusdebatte alleine, sondern auch geschicktes Marketing.
        Wieviel Selbstbestimmung da nun drin steckt ist dann eine andere Frage

  2. „Und dass für Männer Sexappeal nicht das gleiche ist, wie Zuneigung und ehrliches Interesse, das ist selbst jungen Teenagern bewusst.“
    Mir war das jedenfalls lange nicht bewusst… Allerdings weiss ich nicht, ob ich es geglaubt hätte, wenn es mir jemand gesagt hätte. Wohl eher nicht.

  3. Ach, und ich bin überzeugt, dass die wenigsten Frauen solche Videos drehen würden, wenn ihnen wirklich bewusst wäre, wie sehr Männer uns verachten. Aber es ist unglaublich schwer, sich selbst das im täglichen Leben in Erinnerung zu rufen, weil ein solches Verhalten ja durchaus mit einer Art „Anerkennung“ honoriert wird.

    • So viel Humor habe ich dann nicht, sorry. Ich finds furchtbar. Mobbing bleibt Mobbing – egal, ob man dabei auf die vermeintlich Schwachen oder auf die Erfolgreichen „einprügelt“.
      Ich bin kein Fan davon, sich über die Arbeit anderer auf primitivste Weise lustig zu machen. Die kreative Energie sollte man lieber aufwenden, um etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.

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